Messerabwehr Teil 5. Hemmungsabbau

Messerabwehr Teil 5. Hemmungsabbau

Wie Du vom lautlosen Opfer zum dare-devil wirst (aus dem Buch Bumerangstrategie)

Wir müssen leider inzwischen eine richtige „Stabbing-Epidemie“ für Deutschland feststellen. Denn es wird zehnmal pro Tag zugestochen. Das amerikanische Gatestone Institut hat zum Phänomen „Stabbing“ aktuelle Zahlen vorgelegt: Mehr als 1.600 „Messer-Verbrechen“ (sog. Stabbing) wurden in Deutschland alleine in den ersten fünf Monaten des Jahres 2017 gemeldet – das heißt durchschnittlich 300 solcher Verbrechen jeden Monat oder zehn pro Tag.

 Messer, Äxte und Macheten sind zu den am häufigsten gebrauchten Waffen für Kriminelle in einem Land geworden, das ansonsten eines der strengsten Waffengesetze in Europa kennt. Messer werden nicht nur benutzt, um dschihadistische Angriffe auszuführen, sondern auch zunehmend bei Mordfällen, Raubüberfällen, Einbrüchen, sexuelle Übergriffen, Ehrenmorden und vielen anderen Arten von Gewaltverbrechen. Dabei werden sowohl die Opfer als auch die Täter des Stabbings immer jünger. Auf der Opferseite sind besonders häufig  weibliche Personen betroffen.

In meinen letzten Artikeln brachte ich einige Beispiele, um Dich wachzurütteln und deine Wehrhaftigkeit zu erhöhen. Ein entscheidender Baustein, um sich zu wehren ist die psychologische Komponente der Auseinandersetzung. Heute soll deshalb der Hemmungsabbau unser Thema werden.

Schauen wir uns also zunächst die Täter an. Der moderne Feind greift Kinder, Frauen und Männer gleichsam mit einer ungeheuren Brutalität an. Wer auf Einklang bedacht ist und Konflikte scheut, der hat es in den Sekunden bevor es knallt nicht leicht und wird von kaltblütigen Messerstechern routiniert ausgenutzt. Es ist bedauerlich: Einmal den Knigge zu oft gelesen und schon nimmt ein jeder dahergelaufene Rüpel einen aufs Korn. Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Der gütige Erdenbürger wird vom skrupellosen Gegenspieler ausgespielt. Seine Moral und sein Anstand stoßen ihn auf den Scheiterhaufen.

Wer hofft, durch Seriosität, Anstand und manierliche Zurückhaltung zu punkten, ist ein naiver Optimist, der vom modernen Kontrahenten eines Besseren belehrt wird. Der moderne Stabbing-Täter kommt zunächst mit seiner brutalen Dreistigkeit durch. Sein Kampfselbstwert wird erhöht. Das geht solange gut, bis der Richter zum zehnten Mal eine Bewährung verhängen muss. Solange laufen die Steinzeitmenschen frei herum. Auch wenn wir es mit unserer abendländischen Logik nicht gut heißen wollen – willkommen in der Realität. Mir gefällt es auch nicht: Es geht ungerecht zu auf der Welt. Aggressivität dient dem Selbstwert.

Ohne in Notwehr auch verbal und körperlich zuzuschlagen, zuzutreten, anzugreifen, funktioniert Selbstverteidigung nicht. Oder wie sich der weise Dalai Lama auszudrücken pflegte:

Solange Hass im menschlichen Geiste wohnt, ist wirklicher Friede unmöglich.“

Deine Hemmungen, jemanden zu verletzen, sind vollkommen vernünftig und Du stehst damit im Einklang mit unseren Gesetzen. Dort steht schließlich schwarz auf weiß geschrieben, dass jede Gewalt falsch ist, jede Verletzung des Körpers verboten ist. Schon die chirurgische Öffnung einer Bauchdecke für sich genommen ist zweifellos eine Körperverletzung. Gewalt ist nicht gleich Gewalt. Es empfiehlt das Strafgesetzbuch: Mord aus niederen Beweggründen wird schwer, Töten aus Notwehr dagegen nicht bestraft.

Notwehr
Es geht nach der konkreten Situation: Es gibt Ausnahmen, die das Gewaltverbot aufheben. Eine Operation wäre so ein Grund – sie rettet ein Menschenleben. Die Rechtfertigungsgründe für Gewalt sind ethisch hochwertige Motive, wie der Schutz des Eigentums, Hilfeleistungen für andere oder: Notwehr. Und die erlaubt alles, was verhältnismäßig ist. Was bedeutet das konkret? Wenn das eigene Leben nur dadurch gerettet werden kann, dass der erbarmungslose Angreifer verletzt oder getötet werden muss, handelt es sich zwar um Gewalt, die aber durch den Notstand gerechtfertigt ist.

Auch Schläge zur Verteidigung werden dann straflos bleiben. In genauer Betrachtung deckt sich das mit unserem archaischen Überlebensprinzip. Unsere Kampfhormone wollen bei Bedrohungen herausgelassen werden – sonst nicht. Werden wir angegriffen, bekommen wir Kampfstress, lädt automatisch unser Lebenserhaltungsprogramm. Wie von allein zwingen uns die chemischen Wirkstoffe zum Gegenschlag.

Es gibt legitime und illegitime Gewalt
Gewalt ist das staatliche Mittel zur Erhaltung der sozialen Ordnung – in 74 Ländern gibt es die Todesstrafe. Gewalt ist zumindest als Verteidigungsmittel legitim. Die legitime Gewalt stoppt die illegitime. Wenn sie ein bestimmtes Maß überschreitet, wird die erlaubte Gewalt zur illegitimen. Dieses Maß hängt von vielen Faktoren ab und muss deshalb für jede Situation neu ausgehandelt werden. Ob alle juristischen Unterhändler auch im Fach „realistischer Zweikampf“ kompetent sind, ist anzuzweifeln.

Menschlichkeit ist die Pflicht jedes Einzelnen.“ Konfuzius (chin. Philosoph, 551 v. Chr. – 479 v. Chr.)

Fair but firm, fair aber konsequent

In der Selbstverteidigung ist alles das erlaubt, was einen Angriff stoppt, solange es verhältnismäßig zugeht: Fußtritte, Fauststöße, Würfe, Knie- und Ellenbogentechniken. Die folgende Methode sollte mit der gebotenen Vorsicht eingesetzt werden. Die geistige Entmenschlichung nutzen wir als Schutzmechanismus, der es erlaubt, die moralische Grenze soweit zu überschreiten, dass es Leben schützt – und keinen Schritt weiter. Ehrenwert, ritterlich und gerecht.

1. Übung: Fauststöße mit verbundenen Augen. Du siehst keine roten Stellen, keine Schwellungen und kein Blut. Aber Du spürst jeden Aufprall. Da du keine optische Rückmeldung erhältst, setzt sich dein Mitgefühl herab.

2. Übung: Nimm ein Porträtfoto. Streite ein Weilchen mit dem Fotogegner und schlage dann beherzt zu. Auch hier baut sich deine Hemmung, auf Personen zu schlagen, langsam ab.

3. Übung. Sie ist mit geöffneten Augen umzusetzen. Dem Partner ist eine Ohrfeige zu verpassen – mit Kopfschutz versteht sich.

Wir gehen mit diesen Übungen ein äußerst sensibles Thema an, das jeder auf seinem Schirm haben sollte: die Kampfmoral. Die Kampfmoral definiert die Einstellung zum Kampf und zum Gegner. Sie beantwortet die Frage: „Wie weit kann ich gehen?“ Durch obige Übungen lernst Du in gefährlichen Auseinandersetzungen dein Empathiegefühl abzuschalten. Beim blinden Schlag bekommst Du kein visuelles Trefferfeedback. Du wirst dir weniger Gedanken über die Folgen machen. Mit der Zeit wirst Du Deine Wehrhaftigkeitsschwelle nach unten schrauben. Voraussetzung ist ein seriöser Lehrer, der mehr als nur Trainer ist. In einem guten Training lernst Du, dass es eine Grenze gibt, wann diese und wieweit diese von dir überschritten werden sollte. „Anger Control“ nennen Fachleute heute die Bremse für das Aus-der-Haut-Fahren.

Egal, was passiert. Egal wie unangenehm sich ein Konflikt anfühlt. Beim Messerkampf darfst Du keinesfalls:

  • zu viel Stress an dich heranlassen;
  • den Glauben an dich verlieren;
  • den Eindruck der Schwäche erwecken;
  • den Gegner unterschätzen;
  • auf manierliche moralische Mentalität hoffen;
  • sprachlos eine Provokation über dich ergehen lassen;
  • Skrupel haben.

Viel Spaß beim Ausprobieren.

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