Messerabwehr Teil 3. Die Messerabwehr

Messerabwehr Teil 3. Die Messerabwehr

Im dritten Teil der Abhandlung über das neuartige Phänomen Stabbing geht es um die Technik der Messerabwehr. In den letzten beiden Artikeln haben wir gesehen, dass eher nichtsahnende Zivilisten das Opfer sind. Wir haben aber auch gesehen, wie die heimtückische versteckte Messerhaltung erkannt werden kann. Wir haben erfahren, wie wir den größten Vorteil des Stabbing Täters aufheben: durch unsere Achtsamkeit. Heute soll es uns um die Technik der Abwehr von Messer- und Machetenangriffen gehen.

Aus den Fehlern der anderen lernen
Sobald ein Experte sogenannte ,,Messerabwehren“ bei dem Videoportal YouTube sieht, kann er sich meist nur kopfschüttelnd über die im besten Fall unbrauchbaren Verteidigungstechniken wundern. Oder er wird laut ausrufen: „Bitte trainiert ein einziges Mal mit scharfen Messern. Es können auch welche aus der Küche sein. Gummi- und Plasteattrappen schneiden nicht!“ Weit von der Realität entfernt, wird gegriffen, gehebelt und geworfen, was das Zeug hält.

Kluge Leute lernen aus den Fehlern der anderen.

Folglich sind die allermeisten Entwaffnungstechniken und Handgelenkhebel der Videos in einer realen Waffen-Konfrontation völlig unbrauchbar! Etwas Gutes haben die schlechten YouTube Videos dann aber doch: Sie zeigen, wie es nicht gehen soll. Aus den Fehlern ergeben sich fünf Dinge, die Du auf gar keinen Fall bei einem Stabbing (verdeckter Messerangriff) tun solltest:

  • Denken, der Angreifer würde in einzelnen klaren Bahnen angreifen. Der reale Messerangriff kommt häufig chaotisch aus einer versteckten Waffenposition und deshalb, solang es kein Stich ist, auf einer kurvigen Bahn.
  • Mit einer Hand die Messerhand greifen oder festhalten. Ein Stich geht sehr schnell, vor allem, wenn der Waffenarm wieder zurückgezogen wird. Das Ergreifen ist aussichtslos. Bei kreisförmigen Bahnen fällt es schwer, den exakten Waffenweg voraus zu berechnen. Das Risiko, dass man in die Klinge greift, ist immens.
  • Den Angriffsarm direkt hebeln. Der Waffenarm wird vom Gegner mit voller Kraft und viel Wucht geführt. Das „Eigenleben“ des Waffenarmes macht eine Weiterführung so gut wie unmöglich. Die häufig präsentierte große Weiterführung vor dem eigenen Körper geht am eigenen Kopf vorbei. Sie ist lebensgefährlich!
  • Den Messerangriff blocken. Egal, ob mit einem Einzel- oder Doppelblock: Ein Block ist statisch und damit zu langsam. Häufig verharrt der Blockarm in der Endposition. Der Anwender läuft Gefahr, dass die Arterien der blockierenden Arme geschnitten werden.
  • Das Messer aus der Hand schlagen. Das funktioniert leider nur, wenn der Angreifer im Schneckentempo sticht und Du im Highspeed-Modus fährst, also fast nie. Warum? Die Messerbahn muss, wie beim Greifen, punktgenau geschätzt werden, um beispielsweise genau am Handgelenk zu treffen.

Was ist zu tun
Machen wir uns nichts vor und seien wir zu uns selbst und zu unseren Schülern ehrlich: Um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, müssen wir Stile und Kampfkunsttraditionen beiseitelegen. Was zählt sind Timing, Entschlossenheit und eine perfekte Technik. In solch einem Notfall musst du den Gegner dazu bringen, dass er nicht weiter angreifen kann. Das bedeutet, dass du ihn komplett ausschalten musst und gleichzeitig seine Waffe meidest.

Dem Stabbing zuvorkommen
Im Idealfall kommst du dem Angriff zuvor und schlägst den Gegner K.O. Der Gegner will das Messer ziehen oder er hat gerade das Messer gezogen, er ist einen kurzen Augenblick unaufmerksam oder du hast ihn abgelenkt (Sand in Augen, Tritt ans Knie …).

Das Schocken ist ein wichtiger Faktor in der Selbstverteidigung, denn es:

  1. stört das Nervensystem,
  2. behindert Reflexe und Körperfunktionen,
  3. verursacht eine Schrecksekunde,
  4. verwirrt und lenkt ab.

Beispiele:

  • plötzliches, lautes und kräftiges Anschreien
  • ins Gesicht spucken
  • Werfen von Gegenständen, wie Handtasche, Schlüssel, Zeitung oder Zigarettenschachtel, ins Gesicht
  • einen energischen Fußtritt gegen das Schienbein oder gegen andere empfindliche Stellen.

Dann schlägt die Stunde für die K.O.-Technik. Damit Du ihn wirklich kampfunfähig machst, sollten es Kettentechniken auf die vitalen Punkte sein. Nutze beispielsweise die Technik Faak Sao:

  • Vorteile: einfache Technik mit großer Wirkung.
  • Ziel: Hals
  • Ausführung: Zunächst legen wir unsere Hand auf unseren Brustkorb. Dann visieren wir mit dem Ellbogen den Gegner an. Wir benutzen dabei den Ellbogen als eine Art Fadenkreuz. Jetzt schleudern wir einfach die Faust in Richtung des anvisierten Zieles und treffen mit der Elle den Angreifer. Versuchen Sie den Arm und die Faust als eine Art Peitsche zu sehen. Diesen Peitscheneffekt nutzen wir für große Kraftentfaltung. Zum Schluss der Bewegung sinkt der Ellenbogen.

Geh durch die offene Tür
Denke an die Eltern aus dem Würzburger Zug, die sich reflexartig zwischen Angreifer und Opfer warfen. Ist der Stabbing – Angriff gerade im Gange, solltest du lieber der Waffe ausweichen, statt sich davorzuwerfen. Ausweichen kannst du nach hinten oder seitlich in verschiedenen Bewegungsrichtungen und -kombinationen. Nutze einfach die schnellste Bewegung. Es ist nicht viel Zeit. Wenn Du zur Seite ausweichst, gilt die Grundregel: Weg von der Waffe! Übe das Ausweichen zur Außenseite „in die offene Tür“, wie du es zur Schwingerabwehr und in der Standartreaktion geübt hast. Das Optimum ist erreicht, wenn du während des Ausweichens die Waffe unter Kontrolle bringst oder den Gegner schlägst. Das ist alles andere als einfach. Aber wenn die Waffe dabei aus der Hand fliegt umso besser. Die Messerarmkontrolle sollte versucht, aber nicht erzwungen werden. Aber dazu gleich mehr.

Wir unterscheiden zwischen folgenden waffenlosen Stabbing-Abwehrstrategien:
A waffenlos
Folgende waffenlose Abwehrstrategien sind die gefahrvollsten. Sie sollen den Schaden begrenzen. Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass du dich ohne eine eigene Waffe verletzungsfrei aus der Affäre ziehen kannst. Ich möchte der Vollständigkeit halber alle Möglichkeiten aufzeigen. Du solltest auch alle diese Techniken intensiv trainieren. Denn nur wenn du vieles kannst, bist du auch in einer Notlage fähig, angepasst zu reagieren.

1. Kontrolle durch Greifen
Falls du keine andere Möglichkeit hast, bleibt dir die Kontrolle des gegnerischen Waffenarms. Die Voraussetzungen für das Greifen sind, dass du:

  1. Räumliche Distanz zum Angriff schaffst, zum Beispiel durch einen Ausfallschritt.
  2. Greifst du auf elliptischema Weg den Waffenarm. So kannst du den Arm verletzungsfrei ergreifen und dann auch halten.
  3. Greifst du mit beiden Händen. Damit verdoppelt sich deine Chance. Wir haben in den Zeitungsmeldungen gesehen, dass die Täter mit ungeheurer Kraft vorgehen. Zwei Hände verdoppeln deine Erfolgsaussicht.

Da das Greifen ein schwieriges Unterfangen darstellt, gibt es im neunten Nug Mui Schülergrad eine komplette Chi Sau Sektion, die das elliptische Greifen intensiv trainiert. Hast du den Waffenarm erfolgreich unter Kontrolle gebracht, machst du den Gegner mittels Kniestößen, Ellenbogenangriffen und Kopfstößen kampfunfähig. Die Waffe wird die ganze Zeit über vom eigenen Körper ferngehalten. Das Ganze muss innerhalb von 5 Sekunden geschehen.

2. Den Messerarm abwehren
Bei der direkten Waffenabwehr wird der Messerarm, die Betonung liegt auf Arm und nicht das Messer mit kurzen stichartigen Abwehrtechniken abgewehrt. Hier solltest du wieder durch die „offene Tür“ gehen, sodass du in die sichere Zone, aus der Laufbahn des stechenden oder schneidenden Messers kommst. Du darfst niemals mit der abwehrenden Hand (z.B. Jum Sau/Gaan Sau) am Waffenarm kleben bleiben. Immer wieder lösen lautet die Devise. Kleine Schnittwunden sind beim Abwehren leider sehr wahrscheinlich.

3. Den Gegner auf Distanz halten
Falls du festes Schuhwerk trägst, bietet es sich an, mittels Fußtritte Distanz zu schaffen. Die Stoßkraft des Beines ist wesentlich höher als die der Arme. Der stärkste Körpermuskel ist der Quadriceps (Oberschenkel). In den fünf Phasen eines Kampfes ist der Fußtritt die sicherste, kräftigste und am wenigsten Schmerz bereitende Phase. Außerdem hält sich die Angegriffene den Täter von Anbeginn vom Leib. Die Angegriffene kann weglaufen, ohne dass der Täter sie festhalten kann.

Ein Tritt sollte gegen die Beine des Gegners oder gegen den Waffenarm geführt werden. Die größte Distanz verschafft dir ein Sidekick. Die Langwaffe mit der größten Reichweite ist leicht auszuführen und verursacht einen massiven Schaden beim Gegner, wenn er richtig sitzt. Stell dich seitlich zum Gegner. Lege dein Gewicht auf das hintere Bein. Drehe den Fuß des Standbeins weit nach außen. Der vordere Fuß wird bis auf Kniehöhe des Standbeines angezogen, der schräggehaltene Fuß dann mit starkem Hüfteinsatz seitlich nach außen gestoßen. Tritt seitlich zu.  Stoße deinen Fuß direkt in die Kniekehle. Das Bein muss ganz  durchgestreckt werden. Den Hüfteinsatz erreicht man durch Mitdrehen des Standbeines, wobei der Fußballen der Drehpunkt ist. Nach dem Kick wird das Bein wieder an den Körper gezogen. Die gewonnene Zeit nutzt du zur Flucht, zur Beschaffung von Waffen …

Neben waffenloser Abwehrstrategien gibt es die bewaffnete Abwehrstrategie:

B bewaffnet

1. Messer vs. Messer
Trägst du ein Messer bei dir und stammt dieses nicht aus dem Nagelpflege-Set deiner Großmutter, sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Du kannst es verdeckt und offen einsetzen. Der Angreifer sieht beim offenen Einsatz die Gefahr, in der er selbst steckt. Wir befinden uns in einem Pokerspiel, bei dem nicht unbedingt das bessere Blatt gewinnt, sondern der bessere Bluff. Jeder Spieler wird bluffen, was das Zeug hält, um den Eindruck der unendlichen Stärke zu erwecken. Wer blufft, der weiß: Wer Schwäche zeigt, hat schnell verloren. Wie der Dompteur in der Manege übernimmt einer die Rolle des Leittieres. Die Katzen akzeptieren ihn als Chef im Ring, der das Sagen hat. Fällt er jedoch hin oder dreht er einem Tier zu lange den Rücken zu, wird das als Wehrlosigkeit ausgelegt. Der Untergebene wird ihm den Rang streitig machen. Ob Ihr feindseliger Gegenspieler ein gutes Blatt auf der Hand liegen hatte, wirst du mit Zurückhaltung wohl nie rausbekommen. Technisch geht es darum, mit kurzen schneidenden Bewegungen gegen den Waffenarm getreu dem Motto: Die Waffe führt, der Körper folgt, den Gegner unschädlich zu machen.

2. Messer vs. Stock
Steht zur Abwehr ein Stock zur Verfügung, so sieht die Sache noch besser aus. Schließlich ist ein Messer eine Kurzdistanzwaffe. Das bedeutet, dass der Gegner erst mal die weite Distanz durchschreiten muss, nah an dich heran kommen muss, um die Waffe schließlich einsetzen zu können. Trägst du einen Stock in der Hand, hast du die lange Distanz auf deiner Seite. Jetzt ist es dein Job, den Gegner mithilfe deiner Langdistanzwaffe auf eben in dieser weiten Entfernung zu halten. Du kannst mit rückwärtiger Schrittarbeit bei jedem Schlag genügend Abstand zwischen dir und dem messertragenden Gegenüber halten.

Die Stockschläge zielen auf die Knochen (z.B. Hand, Ellebogen, Schulter-Gelenke). Dies führt dazu, dass die Knochen geprellt oder gebrochen werden und der Gegner schwer Angriffsbewegungen durchführen kann. Am sinnvollsten ist es, zunächst die vordersten Gelenke, also Hände oder Knie anzugreifen und erst mit dem zweiten Schlag den Kopf. Als besonders wirkungsvoll hat sich ein sogenannter tiefer 3. Schlag gegen das Knie gefolgt von einem 2. Schlag gegen den Waffenarm und gefolgt von einem 1. Schlag gegen den Kopf herausgestellt.

Man sollte immer beachten, egal ob man viel oder wenig für Messerangriffe trainiert: Falsche Selbstsicherheit ist beim Stabbing völlig fehl am Platze.

Die Schwierigkeit vieler Techniken wird offensichtlich, sobald du versuchst, das gegnerische Messer zu greifen, der Gegner jedoch versucht, deine greifende Hand zu schneiden. Jeder, der das Greifen trainiert, sollte unbedingt das Training mit einem schwarzen Eddingstift gestalten und auch mal eine echte Waffe, sei es auch nur ein Küchenmesser versuchen zu greifen.

Nicht vergessen:
Es werden eine enorme psychologische Leistungsfähigkeit und exaktes Timinggefühl auf die Probe gestellt. Der Anwender kommt bei jedem Durchlauf immer mehr zur Erkenntnis, dass waffenlosen Abwehrtechniken lediglich der Schadensbegrenzung dienen. Ein realistisches Training offenbart sehr viele Einsichten, zum Beispiel niemals über die Innenbahn zu gehen und mit der richtigen Entschlossenheit vorzustoßen.

Fazit:

Führe Griff-, Schlag- und Tritttechniken mit maximaler Kraft aus.

  1. Ziele auf empfindliche Körperstellen, dorthin, wo am meisten Wirkung erzielt wird.
  2. Verteidige dich bis zur Kampfunfähigkeit, bis eine sichere Flucht möglich ist.
  3. Gib dich niemals auf!
  4. NIEMALS!

Viel Spaß beim Üben.

Sei auch nächste Woche wieder mit dabei, wenn ich dir zeige, wie du dich auch ohne eine richtige Waffe wirksam wehren kannst.